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Halvers Woche: In guten und in schlechten Zeiten - die Hassliebe zwischen Renten und Aktien

Börse Frankfurt - Indizes - Marktkommentare - 09.02.2018

9. Februar 2018. MÜNCHEN (Baader Bank). Renten- und Aktienmärkte hängen zusammen wie Pech und Schwefel. Was die einen tun, lässt die anderen nicht kalt. Diese Beziehung konnte vor allem seit 2008 mustergültig beobachtet werden: Steigende Anleihekurse mit schwachen Zinsen, die anlagestrategisch fast schon an Körperverletzung grenzten, haben Aktien zu einer "alternativlosen" Anlage gemacht. Die Blase bei Renten hat die Blase bei Aktien aufgepumpt. Wir haben es also mit doppelten Anlageblasen, mit dem doppelten Lottchen zu tun.

Doch verliert der finanzwirtschaftliche Mainstream offenbar den Glauben an die Rentenhausse. Die klare Zinswende scheint so unausweichlich wie ein ordentlicher Kater nach durchzechter Nacht. Es passt ja auch alles so schön zusammen. Die Weltkonjunktur läuft so gut wie seit sieben Jahren nicht mehr, die Schwellenländer haben sich eindeutig erholt, Trump hat mit seiner Steuerreform den Turbo in der US-Wirtschaft und beim Lohnkostendruck gezündet und selbst das lange krisengeschwächte Europa kann sich nicht mehr vor Wirtschaftswachstum retten.

Da ist eine scharfe Inflation doch nur noch eine Frage der Zeit, oder? Bislang hatte der Rentenmarkt verbesserte Konjunkturdaten stiefmütterlich vernachlässigt, wenn nicht sogar ignoriert. Doch neuerdings lässt er sich von ihnen ähnlich beeindrucken wie ein Boxer von einem Leberhaken. Selbst Hund, Katze und Maus scheinen der festen Überzeugung zu sein, dass der Anleihemarkt vom Bullen- in den Bärenmarkt gewechselt ist und aufgrund seiner Leithammelfunktion auch die Zinsstimmung in Europa und Deutschland kippt.

Bekommt die Rentenblase einen Platten, geht auch dem Aktienmarkt die Luft aus

Überhaupt, hat nicht alles einmal ein Ende? Der Renditerückgang von Anleihen, die Rentenhausse läuft schon seit 1981! Es ist die längste Hausse aller Zeiten.

Was der Rentenmarkt aufbläht, kann er auch wieder entblähen. Platzt die Rentenblase, rasieren steigende Renditen die Überbewertungen von Aktien und fordern über Kreditverteuerungen auch Tribut bei den Unternehmensgewinnen. Geht die Zinswende sogar in die permanente Verlängerung wie zuletzt bei GroKo-Verhandlungen, wird das, was die Aktienmärkte in den letzten Tagen erleben mussten, nur so etwas wie der Anfangsschmerz sein. Danach erlebt der Aktienmarkt das Schicksal eines alternden Boxers: Der letzte Kampf war einer zu viel.

Wie berechtigt ist die Zinswende?

Aber ist ein Inflationsausgleich auf die Renditen überhaupt gerechtfertigt? Denn nach Dur machen die Rohstoffe - vor allem Öl - zuletzt wieder auf Moll. Und der Schock des kürzlichen Anstiegs des Lohnwachstums in den USA auf den höchsten Stand seit 2009 verliert bei näherer Betrachtung viel an preistreibender Schärfe. Höhere Einkommen sind aus der gestiegenen Produktivität der Unternehmen gut bezahlbar und sprechen nicht für einen markanten lohnseitigen Inflationsdruck. Diesen behindern ebenso der international scharfe Standortwettbewerb und die zunehmende Digitalisierung. Wir haben es mit einem inflationsarmen Wirtschaftsaufschwung zu tun.

Interessanterweise zeigt sich auch die US-Notenbank über die Inflation besorgt, die trotz langjähriger geldpolitischer Happy Hour und weltkonjunkturellem Wiederaufstieg nicht anspringen will. Früher wurde Inflation von Notenbanken noch bekämpft, heute wird sie herbeigesehnt wie die Oase von der Karawane.

Tatsächlich kann aus etwas Inflation jetzt schnell wieder ein bisschen Deflation später werden. Dabei spielt auch die Bedrohung der Wirtschaft durch schlechte Aktienstimmung eine bedeutende Rolle. Wenn Zinsen steigen und damit Aktien fallen, kann sich ein nachgebender Vermögenseffekt verheerend auf die US-amerikanische Verbraucherstimmung und damit die US-Binnenwirtschaft auswirken, siehe 2008/2009.

Jede deflationierende Erschütterung seitens einer restriktiven Geldpolitik muss also vermieden werden. Auch für die Fed ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste.

Und dann gibt es da noch das Systemrisiko

Die US-Notenbank hat kein Interesse an übertriebenen Zinserhöhungen oder massiven Liquiditätsabzügen, die weltweit zu Platzangst in den Rentenblasen und damit einer Monster-Schuldenkrise führte. Diesen Thriller-reifen Showdown will niemand. Ohnehin möge man mir erläutern, wie die Quadratur des Kreises, die Gesamtweltverschuldung von etwa 250 Billionen US-Dollar mit höheren Kreditzinsen ohne Steuererhöhungen und ohne Sozialkürzungen geschafft werden soll. Jeder (Geld-)Politiker ist dankbar für das nach der Immobilienkrise wieder erreichte Niveau an Finanz- und politischer Stabilität. Diese Happy Hour nach der Euro-Krise werden natürlich auch die hohen Priester der EZB nicht aufs Spiel setzen. Das Schlimmste für Politiker ist unkontrollierbare Unruhe auf der Straße. Fed, EZB & Co. haben nicht 10 Jahre lang das Weltfinanzgebäude mit lockerster Geldpolitik filigran stabilisiert, um es dann im elften Jahr mit ihren dicken Zinserhöhungshintern wieder einzureißen. Ein Zurück zum alten geldpolitischen Stabilitätsbiedermeier ist nicht mehr möglich. Daher müssen auch viele alte volkswirtschaftliche Weisheiten aus dem Elfenbeinturm überdacht und um realpolitische Einflüsse ergänzt werden.

Die große Entblähung der Rentenblase bleibt aus

Zur großen praktischen Zinswende kommt es also nicht. Allerdings wird die theoretische Zinsangst, die über große Worte der Notenbanken - wenn auch ohne große Taten - verbreitet wird, an den Anleger-Schuhen kleben wie Kaugummi. Die Schwankungsbreite an den Rentenmärkten wird sich aufgrund ihrer Liebesbeziehung auch verstärkt in Volatilität bei Aktien zeigen. Aber ist das nicht das Wesen des Risikopapiers Aktie? Über zwischenzeitliche Eintrübungen bei Aktien sollte man sich nicht grämen. Ihnen kann man mit regelmäßigen Ansparplänen gut begegnen. Denn im günstigen Einkauf liegt auch bei Aktien der langfristige Gewinn.

Entscheidend ist: Eine große Explosion an den Finanzmärkten - Puff, Peng, Paff - wird man nicht hören. Die Rentenblase wird nicht platzen und damit auch nicht die am Aktienmarkt.

9. Februar 2018, © Baader Bank

Über den Autor
Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank und Halvers Woche Bestandteil des wöchentlichen Kapitalmarktmonitors.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

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