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Hüfners Wochenkommentar: Trendwende in der Bevölkerungsentwicklung

Börse Frankfurt - Indizes - 12.01.2018 - Interactive Chart: XETR:DAX

12. Januar 2018. MÜNCHEN (Assenagon). Alle klagen, dass die Gesellschaft immer älter wird. Wenn man sich auf der Straße umsieht, trifft man jedoch nicht nur Alte, sondern zunehmend auch Frauen und Männer mit Kinderwägen. Die Kindertagesstätten sind überfüllt. Was ist nun richtig: Sind wir eine eher aussterbende Spezies oder löst sich das Problem durch den neuen Nachwuchs schon wieder von selbst?

Die Antwort ist: Wir haben beides. Es gibt nicht nur, wie wir schon lange wissen, mehr Alte. Über ein Viertel der Bevölkerung ist inzwischen 65 Jahre oder älter. In der Rentenversicherung müssen statistisch 2,1 Erwerbspersonen für einen Rentner aufkommen. Diese Probleme gibt es in vielen Industrieländern. Sie bleiben bestehen, beziehungsweise werden sich in den kommenden Jahren sogar noch verschärfen.

Immer mehr Geburten: Kinder in Deuschland



Durchsch. Kinderzahl/Frau, Quelle: destatis

Es gibt daneben aber auch - und das ist das Neue - immer mehr Kinder. 2016 sind in Deutschland über 790.000 Kinder geboren worden, die höchste Zahl seit dem Jahr 2000. Die Grafik zeigt, wie die Geburtenziffer in Deutschland gerade in den letzten Jahren beschleunigt steigt. Sie war in den 90er Jahren bis auf 1,2 Kinder pro Frau gefallen. Das war die Zeit, in der sich der Pessimismus hinsichtlich der demografischen Alterung immer mehr breitmachte. Jetzt geht es wieder nach oben. 2015 lag sie bei 1,5, etwa auf dem Niveau von vor 35 Jahren. Für 2016 ist ein weiterer Anstieg zu erwarten.

Das ist zum Teil sicher durch temporäre Sonderfaktoren bedingt. Die Anzahl der Frauen im gebärfähigen Alter hat in letzter Zeit zugenommen. Es handelt sich hier um die Töchter der Babyboomer-Generation, die Ende der 80er Jahre geboren wurden. Zudem wirkt sich aus, dass sich das Verhalten der Frauen verändert hat. Sie bekommen heute nicht weniger, dafür vielfach aber später Kinder. Die Geburtenziffer ist daher in einer Übergangszeit zunächst zurückgegangen, erhöht sich jetzt aber umso stärker. Schließlich spielen auch die Flüchtlinge eine Rolle.

Es sind aber nicht nur Sonderfaktoren, die hier zu beobachten sind. Wir haben es auch mit einer Trendwende in der Bevölkerungsentwicklung zu tun. Die Kinderlosigkeit geht zurück. Vor allem Akademikerinnen bekommen häufiger ein oder mehrere Kinder. Hier wirkt sich unter anderem aus, dass das berufliche Umfeld kinderfreundlicher geworden ist. Es gibt flexiblere Arbeitszeiten. Unternehmen haben zum Teil Betriebskindergärten. Auch Väter nehmen Elternzeit und kümmern sich mehr um den Nachwuchs.

Dass es neben den Älteren jetzt auch mehr Junge gibt, ist erfreulich. Es mildert die negativen Effekte der demografischen Alterung. Die Bevölkerungszahl wird nicht so stark zurückgehen. Wir brauchen weniger Einwanderer. Das Wachstum wird sich nicht so stark verlangsamen. Es kommt neue Dynamik in die Gesellschaft. Die Innovationskraft der Unternehmen verbessert sich. Damit könnte auch die Produktivität wieder stärker zunehmen. Die Belastungen der Sozialversicherungen werden geringer, wenn es mehr Beitragszahler gibt. Am Kapitalmarkt müssen die Zinsen nicht ewig so niedrig bleiben, wenn es mehr Wachstum gibt.

Andererseits sollten wir uns nicht die Illusionen machen, dass damit alle Probleme der Alterung gelöst wären. Manches wird zwar leichter, manches aber auch schwerer.

Erstens dauert es 20 und mehr Jahre bis die jetzt Geborenen in das Berufsleben einsteigen und zum Sozialprodukt beitragen können. Jetzt erhöhen sie das Wachstum nur von der Nachfrageseite, aber nicht vom Angebot.

Zweitens ist kaum zu erwarten, dass die Geburtenziffer bis auf das Niveau steigt, das für eine vollständige Reproduktion der Bevölkerung erforderlich wäre. Das wären rechnerisch 2,1 Kinder pro Frau. So stark ist der Kinderwunsch trotz aller Verbesserungen in der Arbeitswelt nicht. Es gibt innerhalb der OECD-Länder nur ganz wenige Staaten, die eine Geburtenziffer von 2,1 oder mehr haben (etwa Israel). Das bedeutet, dass die Bevölkerungszahlen trotz höherer Geburtenziffern weiter zurückgehen werden.

Drittens wird die Solidarität der Gesellschaft in Zukunft noch stärker strapaziert. Die Menschen im erwerbsfähigen Alter müssen nicht nur die wachsende Zahl der Älteren unterhalten (was ohnehin schwer wird, wenn die Babyboomer-Generation in Rente geht). Sie müssen darüber hinaus auch für die zunehmende Zahl der Kinder sorgen. Sie sind gewissermaßen die "Sandwich-Generation", die sowohl von den Jüngeren als auch von den Älteren in An-spruch genommen wird.

Viertens: Die steigenden Geburtenzahlen erfordern hohen Investitionsbedarf bei Kindertagesstätten, Schulen und weiterbildenden Institutionen. Sie machen die ohnehin anstehende Bildungsaufgabe der Gesellschaft noch schwieriger.

Für Anleger

Die demografischen Belastungen, von denen derzeit immer die Rede ist, werden nicht so schlimm wie befürchtet. Das stärkt das Wachstum, erfordert mehr Investitionen und verringert die gesamtwirtschaftliche Ersparnis. Das hilft den Aktien. Zinsen müssten eher steigen. Allerdings dauert es noch eine Zeit, bis die neuen Trends wirksam werden.

12. Januar 2018, © Assenagon

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

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